Und – was machen wir jetzt?

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Das Klappern und Plappern gehört schon immer zum Handwerk. Dann hieß es, man solle seine Internetpräsenz aufpimpen, durch fleißiges Bloggen. Nebenher bloggende Grafik-Designer*innen versicherten sich auf Fachtagungen gegenseitig über ihre Bemühungen, ihre Fachkompetenz in Wort und Bild transparent für die Welt anzupreisen. Ganz ehrlich, ich kenne keinen, dem dadurch nur ein einziger Job zuteil wurde. Man sollte halt irgendwas Redaktionelles zaubern, damit Google denkt, dass in dem Laden was los ist. Letztlich geht man dem Jargon der eigenen Branche auf den Leim – mehr als Autosuggestion kommt da nicht bei rum. Oder etwa doch?
Wenn Menschen sich jetzt ihre Posts von der KI schreiben lassen, dann ist das zwar legitim, aber irgendwie auch komisch, wenn nicht gar albern, weil ich mir einbilde, dass solche Zeitgenossen nicht wirklich was zu sagen haben, uns auch nicht wirklich etwas mitteilen, sondern sich nur bemerkbar machen wollen, Präsenz zeigen, egal, mit was – eher so ein FOMO-Reflex. Wer mit eigenem Geist ein paar sinnvolle Zeilen zu Papier bringen will, sortiert seine Gedanken und formuliert eine Botschaft. Jetzt kann ich mit einem mickrigen Prompt in Sekundenschnelle eine DIN A-Seite generieren lassen und ungelesen als Experten-Chat raushauen. Das hat dazu geführt, dass in Netzwerken sprachlich geflunkert und übertrieben viel geschnattert wird. Eine Art Hochfrequenzhandel mit Wörtern, stochastisch aneinandergereiht, eine Wortflut, die kein Mensch mehr auf analogem Wege ernsthaft lesen oder verarbeiten kann. Sollen sich die Bots doch gegenseitig was erzählen.
“Here’s a more natural flowing version of that section, that reads like a legislative speech …”
Damit ist der Respekt vor einer guten Schreibe schlagartig futsch. Auf einmal kann jeder schlau daherreden. Berühmt geworden ist die peinliche Rede eines kanadischen Abgeordneten (siehe oben), der seinen Prompt gleich mit vorträgt. Genau dieses Beispiel wurde in einem sehr interessanten Podcast angeführt, der sich damit beschäftigte, inwieweit man in der Lage ist, KI-generierten Text zu entlarven. Wie erkennt man sogenannte Wasserzeichen, Strickmuster oder Ähnliches? Einerseits gibt es hier professionelle KI-Detektoren, wo also die eine KI versucht, die andere zu überführen, andererseits kann man aber auch ganz analog den Text mit eigenen Augen lesen und gegebenenfalls seinen Argwohn einschalten. Wenn man’s überhaupt wissen will.
Das entlarvende einer KI sei beispielsweise das Besonnene, das Für und Wider, der Dreiklang bei Beispielen und das Fazit am Schluss. Besonders verräterisch sei der Gedankenstrich. Ja, toll, eigentlich versucht die KI nur, ziemlich viel richtig zu machen, und gerät genau deswegen unter Verdacht? Und ich gleich mit, weil ich das wohl auch irgendwann so gelernt habe. Und nicht „unbesonnen“ vor mich hinstammeln will, wie die Gangsta-Kids an der nächsten Bushaltestelle. Eine weitere Anomalität sei, dass jeder Satz eine Bedeutung habe, es inhaltlich überhaupt keinen Leerlauf gäbe. Frage: gibt es bei Thomas Mann Texte mit Leerlauf? Ich denke nicht – wozu auch? Upps, schon wieder ein Gedankenstrich! Einer der KI-Podcaster rät ja deshalb zum Semikolon ;-)
Jetzt kann ich zum Glück nachweisen, dass ich Texte schon lange vor dem Jahr 2022 verfasst habe, aber die Muster, anhand derer man aus Sicht der KI-Experten recht zuverlässig einen KI-generierten Text erkennt, finden sich tragischerweise auch in meinem Geschreibe. Wenn ich dann mit Metaphern arbeite, Beispiele anführe und gelegentlich etwas zu bedeutungsschwanger werde, dann bin ich dem äußeren Anschein nach schon KI-verdächtig.
Hier habe ich nicht nur die Sorge, den schöngeistigen Schwafelmodus einer KI-generierten Rede zu imitieren, sondern genauso zu sein, wie eine KI. So banal, so mechanisch, so papageienhaft, so lavierend und nervig – womit ich wieder bei der Selbsthypnose angekommen wäre. Allein mit Trotz lässt sich viel erreichen. Mein Credo als Boomer muss lauten: Wer sich gehen lässt und über den Nihilismus lamentiert, hat das schöne Leben, das er bis dahin hatte, nicht verdient.
Da kommt mir gerade eine lange Podcast-Folge zu Ohren, ein kulturübergreifender Klassiker der Weltliteratur, neu eingesprochen in deutscher und arabischer Sprache …

„Da überraschte das Morgengrauen Schahrasad,
und sie hörte auf zu erzählen.“
Was motiviert uns also, standhaft zu bleiben? In einer Welt, die immer mehr einer tragikkomischen Serie mit all ihren Cliffhangern gleicht. Die Strategie aus Tausendundeiner Nacht lehrt, dass Fantasie eine sehr mächtige Abwehrwaffe ist. Jeder kennt das tödliche Dilemma der Schahrasad, die mit Mut zum Risiko die Flucht nach vorne antritt. So könnte es funktionieren: nie aufgeben und souverän bleiben. Das künstlerische Prinzip dahinter: Die Aufmerksamkeit des Publikums unter Spannung halten und immer wieder etwas noch Besseres in Aussicht stellen.
„Und während die Morgendämmerung aufstieg, sagte Dinarasad zu ihrer Schwester Schahrasad: „Wie schön und wie spannend ist deine Geschichte!“ – „Was ist das schon“, erwiderte sie, „gegen das, was ich dir morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich dieser König verschont. Das wird noch viel schöner und viel spannender sein als das, was ich heute erzählt habe.“ ¹
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¹ aus „Tausendundeine Nacht“, das arabische Original, neu übersetzt von Claudia Ott
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