„Waldeinsamkeit“


In der Romantik hat die deutsche Sprache viele schöne Wörter hervorgebracht. Ein Beispiel ist das Wort „Waldeinsamkeit“. Es hat etwas besonders Beschauliches und auf stille Weise sehr Positives an sich und passt daher wunderbar als Überschrift für diesen Nachtrag. Für den letzten Artikel musste ich das von meinem Vater gebastelte Herz vor dem Fotografieren in einigen Teilen neu verkleben. Kurz wird der Blick frei auf das Innenleben und zu meiner Überraschung entdecke ich einige Signaturen¹, die mir Ort und Datum der Entstehung verraten. Zehn Jahre nach dem Krieg hatte mein Vater neun Monate mit Tuberkulose im Sanatorium gelegen und sich mit diesen kunstvollen Holzarbeiten die Zeit vertrieben. Und auch der kleine Vogel oben spielt eine Rolle.

Die idyllische Klinik „Hohenhonnef“ war so eine Art Zauberberg, bei uns im Siebengebirge. In einer so entrückten Atmosphäre, und vor einem akut lebensbedrohlichen Hintergrund, denkt man wohl schon mal über die eigene Endlichkeit nach und bastelt sentimental an Bilderrahmenherzen – erst einmal für die Lieben zu Hause, und im schlimmsten Fall dann eben für die Nachwelt. Mein zukünftiger Vater hat sich dann an drei verborgenen Stellen gleich dreimal „verewigt“ – aber warum? Vielleicht ein spontaner Reflex der Selbstbestätigung?

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¹ Signatur im Inneren: 20/10 Honnef 1955 · Rudi Egerer (siehe Galeriebilder unten)

Egal, ob Kunst oder meisterhaftes Handwerk – wenn es gelungen ist, feiert man seinen Stolz auch für sich allein und setzt seine Unterschrift im Verborgenen. Man kennt ja „Meisterzeichen“ aus dem Instrumentenbau: Neben den sichtbaren Geigenzetteln im Boden, unter dem F-Loch finden sich auch Signaturen an Stellen, die nur bei Reparaturen sichtbar werden. Da mein Vater ja aus einer solch musikalisch-kunstsinnigen Gegend stammt, könnte das ein Motiv gewesen sein. Dennoch ist das eher unwahrscheinlich und passt nicht ins Bild, das ich von ihm habe.

„Zeitkapsel“ und äußere Welt

Nüchtern betrachtet ist das Herz nur ein gut verschlossener Hohlkörper, romantisch gedeutet, war es eine Zeitkapsel. Wenn der Zufall die Kapsel nach 70 Jahren per Materialermüdung öffnet, hat sich darin nichts bewegt, nur außerhalb ist alles anders. Es ist müßig, immer nach der Absicht hinter allem Entstandenen zu fragen. Es ist, wie es ist, und je mehr Zeit vergeht, desto spekulativer werden unsere Deutungen. Ich schätze, mein Vater hätte längst vergessen, ob innen überhaupt etwas zu lesen ist. Am Ende sind die Dinge banal; lediglich unsere Gemütszustände bewegen die Fantasie.

Ich glaube, dass wir unsere Lebenswirklichkeit überzeichnen, wenn wir unser Dasein allein als die Summe unserer Entscheidungen begreifen. Das Meiste passiert auch so. Die Welt dreht sich ganz von selbst, wie auch viele Handlungen und Vorkommnisse in Raum und Zeit von selbst entstehen, ohne individuellen Willen. Zum Glück passieren ja auch spontan erfreuliche Sachen, eine rein vom Zufall gelenkte Poesie, ähnlich schön zu erleben, wie fallendes Herbstlaub. Das klassische pantha rhei eben und zum Schluss: „Vorhang zu und alle Fragen offen.“


Tief im Wald – Die Lungenheilklinik Hohenhonnef um 1900 · Bildquelle Wikipedia


Es gab da mal ein Foto: Mein Vater im Profil, wie er im Krankenhausbett an einem Klapptisch sitzt und isst. In dieser Position hat er wohl auch gebastelt. Die bucklige Verwandtschaft hatte ihn kein einziges Mal besucht – das hat er nicht vergessen. Aber täglich kam ein Kleiber von draußen ins Zimmer gehüpft. Den hat er mit Zuckerwasser aus der Pipette gefüttert. Das waren die Dinge, die außerhalb passierten, nachdem er das Holzherz verleimt und verschlossen hatte.





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