Die Navigation der christlichen Seefahrt

„Große Zeit ist's immer nur, wenn's beinahe schiefgeht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: jetzt ist alles vorbei.“
Theodor Fontane, 1898 – Der Stechlin


Die Seefahrt mit allen ihren Requisiten ist in der Malerei schon immer eine prachtvolle Kulisse für das Abenteuer des Lebens, die Entdeckung und Eroberung der weiten Welt. Das Ganze im Kontext frommer Beständigkeit darzustellen, ist die Motivation des Pieter Brueghel dem Älteren bei einem seiner weniger bekannten Bilder, von dem man nicht mehr sicher ist, ob es sich um ein Original handelt oder eine Werkstattkopie. Was der Pinselführung nach wahrscheinlicher ist. Auch der Titel ist nur unverbindlich überliefert: Landschaft mit dem Sturz des Ikarus – mehr die wage Beschreibung dessen, was man ohnehin sieht. Sofern man genau hinsieht.

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Die Welt von oben gesehen

„Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris.“
Heinrich Heine, 1832 – für die Augsburger Allgemeine


Der Blick aus dem Fenster auf die Geschäftigkeit der Anderen gehört den Neugierigen, den Tagträumern oder Tagedieben. Es ist die Perspektive des Künstlers, der schon wieder mal vier Stunden später aufgestanden ist als die übrigen Zeitgenossen. So stellt auch Louis Daguerre eines schönen Tages seinen Holzkasten auf die Fensterbank, macht den Objektivdeckel ab und lässt den Dingen seinen Lauf. Dass im Ergebnis, außer den Immobilien, nichts auf der Glasplatte übrig bleibt, ist die eigentliche Ironie der Zeit oder besser der Zeitkonstante. Weniger geheimnisvoll formuliert, es ist die Belichtungszeit, die das Wesentliche verschluckt und das Nebensächliche konserviert. Nur der stoisch vor sich hin werkelnde Schuhputzer und sein geduldiger Kunde werden im Kontinuum eingefangen, alle Anderen sind dem Fotokünstler davongehuscht.

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Die Erreichbarkeit der Himmelskörper

„We are now approaching the lunar sunrise and for all the people back on earth, the crew of Apollo 8 has a message that we would like to send to you …“


Wenige Tage bevor sich unsere amerikanischen Freunde am 22. Dezember 1968 auf den Weg zum nächsten Himmelskörper machen, ist ein Programmpunkt der minutiös geplanten Mission immer noch offen. Genau am Heiligabend würde Apollo 8 den Mond umkreisen und eine Liveübertragung soll die Welt „angemessen“ beeindrucken. „Do something appropriate“, so das lakonische Briefing der NASA an die verdutzten Astronauten. Die Crew reicht diese heikle Aufgabe vernünftigerweise gleich an einen Medienprofi weiter, der allerdings seinerseits schlaflose Nächte durchlebt. Bis dessen unbekümmerte Ehefrau die geniale Idee mit der Genesis aus dem Hut zaubert. Darauf muss man erst mal kommen: eine kurze Lesung der Schöpfungsgeschichte beim Umfliegen des Mondes – in der Tat originell zum freien Blick auf den Globus!

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Weihnachtspost mit Briefgeheimnis

„Mir ist lieber, in einer von Geheimnissen umgebenen
Welt zu leben, als in einer, die so klein ist, dass mein Verstand sie begreift.“

Ralph Waldo Emerson (1803-1882)


Niemand kann die Stille so gefühlvoll festhalten wie Jan Vermeer van Delft. Seine Malerei inszeniert den vollkommenen Augenblick, in dem alles perfekt am richtigen Platz ist. Stimmungsbilder, so unergründlich wie die menschliche Psyche. Die „Frau mit Waage“ ist auf den ersten Blick ein sauber komponiertes Innenleben und bei näherer Betrachtung doch ein Mysterium. Völlig unklar, was sie da eigentlich aufwiegt, vielleicht Perlen oder Goldmünzen. In Wahrheit sieht man auf den feinen, austarierten Waagschalen – eher nichts. Was aber ist nun das bedeutungsvolle Unsichtbare?

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Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, dass man in einer bestimmten Zeit geboren und in ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht. Es verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft. (Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt)


Die wahre Eroberung und Vermessung der Welt beginnt bekanntermaßen mit der Renaissance. Gutenberg und Kolumbus schaffen die Werkzeuge und Grundlagen für ein Zeitalter des Aufbruchs, des Umdenkens, des wissenschaftlichen und künstlerischen Fortschritts. Und mittendrin sitzt Dürers melancholischer Engel, zugestellt mit dem Sammelsurium seines Erkenntnisapparats und scheint für den Moment etwas überfordert, nachdenklich, sich der ungeahnten Vielfalt bewusst, aber im Ergebnis reizüberflutet. „Melencolia I“ – mein Weihnachtsengel.

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Inventur im Club der toten Dichter und Denker

Es wird erzählt, man habe die Werke des Aristoteles in der antiken Bibliothek von Rhodos in einer bestimmten Reihenfolge einsortiert: vorne die naturphilosophischen Bücher, dahinter (griechisch „meta“) die über die Physik hinausgehenden Theorien, die man darum fortan „meta ta physika“ nannte. Wer weiß, ob’s stimmt, aber so hatten die Dinge schon mal ihre literarische Grundordnung. Überhaupt: kein schlechtes Bild, sich die Welt als Bibliothek vorzustellen. Ein stetig wachsender, unendlicher Speicher von Beschreibungen, Hypothesen und Beweisführungen, ein Gedächtnis der menschlichen Erfahrung und Erkenntnis. So faszinierend, dass sich mancher gar nicht mehr auf die reale Welt einlassen mag, die im metaphysischen Sinne genauso virtuell ist wie ein Computerspiel – eine Projektion, eine Vorstellungswelt eben.

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