Weil’s eine gute Story ist
„Ob wirklich passiert oder nicht, das ist egal. Hauptsache, dass die Geschichte wahr ist! Wahr ist eine Geschichte dann, wenn sie genau so, wie sie berichtet wird, wirklich hätte passieren können.“
Erich Kästner, aus dem Vorwort zu „Pünktchen und Anton“
Kästner ist ein Autor ganz nach meinem Geschmack. Sein kluger Gedanke hat nur dem Anschein nach einen naiven Tonfall und beschreibt schlicht die Suche nach der inneren Wahrheit. „Dem Wahren, Schönen, Guten“ sind schließlich alle unsere Kunsttempel gewidmet. Wahre Kunst zeigt menschliche Gefühle und Situationen so, dass sie sich echt anfühlen. Ein klassischer Anspruch also, getreu dem Aristoteles, dass die Kunst das Leben nachzuahmen habe. Aber es gilt wohl auch schon immer das Gegenteil. Seit Oscar Wilde ist es offiziell, und im Selfie-, Instagram- und Laber-Podcast-Zeitgeist mittlerweile fest verankert und nicht mehr umkehrbar: „Life imitates Art“.
Das ist, aus der Perspektive der gehobenen Mittelschicht gesehen, mal wieder übertrieben und elitär, denn ein Mensch, der ums Überleben kämpft, hat rein gar nichts mit seiner eigenen Inszenierung zu tun. Wer aber auch nur die geringste Möglichkeit hat, sein Glück, seine Leidenschaft oder auch nur seinen Trotz selbst in die Hand zu nehmen, hängt auch an seiner Story. Alles ist stimmig, wenn er eine gute Story hinterlässt. Viel mehr bleibt nicht von ihm übrig. Das klingt beängstigend, absurd und rätselhaft, aber die Menschen verhalten sich im modernen Lifestyle auch gerne so, dass es sich in der Nacherzählung lebendig und gut anhört. Unsere Fantasie folgt der Erfahrung und die Erfahrung wiederum wird kuratiert mit wohlwollender Fantasie. Jeder Mensch ist frei in seiner Gedankenwelt, sofern er nicht mittelalterlich an die Vorbestimmung glaubt.
Intermezzo: Storytelling und die Suche nach der Wahrheit
Der Drehbuch- und Hörspielautor Friedemann Schulz (nicht zu verwechseln mit Friedemann Schulz von Thun, siehe unten) ist leider schon vor zehn Jahren gestorben. Dabei wäre ich so neugierig gewesen auf die Fortsetzung seiner Radiotatort-Folgen um den lakonischen Kommissar Nebe, seinerseits strafversetzt nach Rotenburg an der Fulda. So bleibt das letzte Kriminalhörspiel „Die Liebe einer Leihmutter“¹ leider die letzte Episode, aber dafür meine Lieblingsstory. Daraus stammt auch das Motiv „Weil’s eine gute Story ist“, nur eine von vielen brillanten „wahren“ Ideen – abgesehen vom Spiel mit dem Zufall, auch eines meiner Hirngespinste.
Original-Illu von Jürgen Frey – Das Spoilermotiv ist weggestempelt, der weise Uhu reicht.
Einer der Handlungsstränge, die sich in diesem Stück überlagern, ist die Midlife-Krise des einsamen Kommissars, der über seine Ermittlungsarbeit zu einem Leichenfund in einer einsamen Waldgegend eine Forscherin kennenlernt, die genau dort für ihr Projekt mit zahlreichen Mikrofonen die nächtliche Vogelwelt abhört. Nebe ist von Clara Feld und ihrem poetischen Vogelpark bezaubert. Am Abend kommt man über den seltsamen, mutmaßlichen Mordfall ins Plaudern und Clara erzählt von ihrem Zusatzjob als Texterin in einer Frankfurter Werbeagentur.
Die Wissenschaftlerin kennt sich also auch mit leicht verständlichem Storytelling aus und beendet die Spekulationen des rätselnden Kommissars resolut von der anderen Seite, aus der Perspektive der Autorin. Dieses Wechselspiel zwischen Fiktion und Realität ist ja nicht unlogisch. Und wiederum belegbar mit Ockhams Rasiermesser: Von allen denkbaren Erklärungen und Möglichkeiten – oder, sagen wir, jetzt einfach mal: Storys – ist die gute Story wahrscheinlich die richtige Spur.
Antwort der wissenschaftlichen Werbetexterin auf die Frage des Kommissars, wie sie ihre Vermutung belegt: „Weil’s eine gute Story ist.“
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¹ Radiotatort Die Liebe einer Leihmutter, zum Nachhören …
Die Metamorphose als klassisches Motiv der Fantasie – Schmetterlingsbilder: AdobeStock
So gesehen ist eine gute Erzählweise, für einen selbst wie für die Zuhörerschaft, ein kleiner Gewinn an Lebensqualität. Andersherum käme man sich wirklich wie ein graues Staubkorn im Universum vor. Das entspräche zwar am ehesten den Tatsachen, kann aber im Sinne Kästners bitte nicht wahr sein, wer hätte dann noch Freude am Dasein? Also, machen wir uns das Leben schön, und die wenigen unglaubwürdigen Verzierungen, die in manchen privaten Schilderungen euphorisch dazu gedichtet werden, können wir leicht herausfiltern.
Im Journalismus, und zwar durchaus im „Qualitätsjournalismus“, gehen mir die Fabulierkünste gelegentlich zu weit, wenn Autor*innen versuchen, über den Dingen zu schweben. Dann scrolle ich in der Onlineausgabe reflexhaft wieder nach oben und will namentlich wissen, wer mir da gerade auf den Sack geht. Passiert mir häufiger bei einem Text von Hilmar Klute, der eigentlich ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung ist, uns aber gerne mal ein abgebrochenes Stück Literatur vor die Füße wirft, was mein konkretes Informationsbedürfnis nun gar nicht befriedigt. Der letzte Satz dann meist betont vage, inhaltsleer oder mit etwas Poesie verschlüsselt, aber unterm Strich mit dem Erkenntnisgewinn: null. Könnte man cool finden, geht man jedoch nach dem Vierkanal-Prinzip des Friedemann Schulz von Thun (also jetzt der Kommunikationsprofessor), – ist der übersteuerte Selbstdarstellungskanal des Senders ziemlich penetrant und der fade Rest von rein privatem Belang.
Storytelling in eigener Mission
Bei all dem selbstverliebten Journalismusgedöns und Podcastgelaber ist das Immunsystem unserer Kommunikationsabwehr im Stress. Umso wichtiger ist es für uns, das eigene Narrativ nicht zu vergessen. Ob zur romantischen Selbstvergewisserung oder zur nüchternen Analyse, wir gestalten die Wirklichkeit durch unsere Fantasie und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Bei sehr viel früherer Gelegenheit habe ich das mal als „künstlerisches In-And-Out“ bezeichnet. So beschrieben in der Flitcraft-Parabel. Ebenso der Überlebensreflex der Sharasad aus Tausendundeiner Nacht, die Erfinderin des Cliffhangers. Wer es versteht, das Leben wie eine verheißungsvolle Story zu sehen, erhält sich Neugier, Leichtigkeit und Zuversicht.
Epilog: Glauben wir an einen glücklichen Ausgang – weil’s eine gute Story ist!
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² Die Flitcraftstory ist bei mir eine Zeit lang regelrecht zur Manie geworden und alle Nas‘ lang fiel mir dieser seltsame Einschub in Hammetts Malteser Falke wieder ein. Flitcraft, der ums Haar von einem herabstürzenden Balken erschlagen wird, fühlt sich, als hätte er für einen schrecklichen Moment ins Getriebe des Lebens geschaut …
Und kürzlich musste ich wieder daran denken, wie ich als Kind gelegentlich meinen Blechautos ans Innenleben wollte und das meist danach bereute. Da konnte es passieren, dass Metallfedern heraussprangen und die Dinger danach nicht mehr fuhren. Eben, diese Sache mit dem Gehäusedeckel, den man besser nicht anrührt. Eine wundervolle psychologische Metapher, die Hammett in seiner Flitcraftstory entwickelt hat. So ist das mit der Psychologie – wer leichtfertig den Deckel aufmacht, der kriegt ihn meistens nicht wieder richtig drauf.
Und innen drin ist fürderhin alles durcheinander.


