Weizenfeld mit Kornblumen

Weizenfeld bei Auing

Es gibt herausragende Künstlertypen, die einen jungen Menschen überhaupt erst in das Künstlerische hineinziehen, sodass man erkennt, was einen wirklich ernsthaft interessiert und für sich beschließt, dass Kunst im weitesten Sinn ein größeres Thema im Leben sein soll. So ging's mir mit van Gogh, alias Kirk Douglas, hollywood-episch und in Technicolor. Nicht zu vergessen die Romanbiografie von Irving Stone, ein Taschenbuch, das zerlesen im Regal verstaubt, bis sie sich unser Ältester dann mal als Bahnlektüre in den Rucksack steckt. So vererben sich Hirngespinste.

Vincent van Gogh

Mit der Adoleszenz kommt das große Brimborium der Kunstgeschichte, die Gegenwartskunst, das allgegenwärtige Design – und die Vorbilder der Jugend verblassen mehr und mehr. Man fühlt sich auf kindische Art gelehrt, rühmt sich der stereotypen Kunstdrucke an der Wand überdrüssig. Wie so oft, fällt einem die eigene Lästerei erst unangenehm auf, wenn sie von Anderen kommt und insbesondere die Malerei van Goghs ist dann aufs Entschiedenste zu verteidigen. Weiß man doch, wie arrogant der Kunstmarkt mit individueller Klasse und persönlichem Elend umgeht und wie opportunistisch zugleich auf Reputation, Manipulation und Profit spekuliert wird. Für diesen scheinheiligen Markt ist die Aura des größten Verlierers der Moderne, über seine in Briefen nahezu lückenlos dokumentierte Passion, ein gefundenes Fressen. Vergessen wir die sentimentale Legende und schauen nur auf van Goghs Werk – de facto gäbe es ohne die Kunst des Niederländers keinen deutschen Expressionismus und was da wiederum alles dranhängt, ist hinlänglich bekannt.

Das heutige Grafikdesign mit seinen formalen Spannungen, positiv-negativ Flächen, einer elementar neuen Farbenlehre, etc. ist ohne diese Neuordnung nicht erklärbar. Das lässt sich glasklar mit der „Neuen Typografie“ seit den 1920er Jahren belegen und ist im kunsthistorischen Vergleich für jeden plausibel. Hier komme ich wieder auf meine Universaltheorie zurück: die Polarität von Modernismus und Romantik. Beides kommt mir in den Sinn, da wir nun an einem Weizenfeld mit Kornblumen vorbeispazieren; man geht praktisch an einem lebendigen van-Gogh-Bild entlang, im Sommerwind wiegt sich der pralle Expressionismus und darin verstreut die zarte Blume der Romantik.



Die Blaue Blume

Die Weimarer Republik hat nicht nur das moderne Design hervorgebracht, sondern auch eine neue Naturverbundenheit kultiviert. Die Jugendbewegung der Wandervögel, bereits in Opposition zum militaristischen Kaiserreich seit 1913 am Start, entwickelt sich nun zu einer grenzüberschreitenden Strömung. Mit Wimpel, Gitarre und Gesang zieht man hinaus „aus grauer Städte Mauern“ aufs Land „… unterwegs, die Blaue Blume zu suchen“. Vom Krieg und seinen ökonomischen Verwerfungen traumatisiert aber wenigstens befreit von der Enge der wilhelminischen Zeit, hinein in eine Zukunft mit Licht, Luft und Sonne! – ähnlich den Lebensreformern des Jugendstils. Immer wieder kommen den Menschen die Sehnsüchte nach dem vermeintlichen Wohlgefühl des 19. Jahrhunderts, nach der Welt des Novalis, Eichendorff oder der Droste-Hülshoff. Die blaue Blume entstammt wahrscheinlich aus Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen, gilt fortan als Metapher für das Streben nach dem Unerreichbaren, Unbedingten, der Verbindung von Mensch und Natur – eine esoterische Wundertüte, sozusagen – kurz: sie ist das Sehnsuchts-Symbol der Romantik.

Wir sind längst nicht mehr vom selben Gemüt wie die Menschen vergangener Epochen, zumal wenn zwei bestialische Weltkriege dazwischen liegen. Dennoch mögen es junge Menschen, wenn man zusätzlich zur abstrakten Farbenlehre auch die ein oder andere überlieferte Bedeutung vermittelt, wie fallweise beim Kornblumenblau. Vielleicht, weil es eine Art Geheimsprache ist, über die man mit vertrauten Menschen gefühlvoll kommunizieren kann. In Frankfurt steht das Romantikmuseum mit stylisch-moderner Fassade und einem blauen Glaserker, der in der Nacht wundersam leuchtet.

Mitunter taucht also die ein oder andere blaue Kornblume auf dem eigenen Weg auf und bestärkt das Gefühl, sich im Leben nicht zermürben zu lassen. Egal was passiert, der ursprüngliche Drive des Romantikers schaltet sich immer wieder, fast automatisch als Turbo ein, als emotionale Reserve. Ein Segen ist dann, Menschen an seiner Seite zu haben, die einem die Poesie des Lebens nicht vergällen. Man halte sich von Leuten fern, die einem hastig in die Parade fahren, wenn man etwas über seine Motivlage äußert um sich im Gegenzug über ihr eigenes Ego auszubreiten. Was wiederum nur belegt, wie unser Gefühlsleben das Denken und Handeln dominiert.


„Der Mensch besteht eben nicht nur aus Chemie, sondern auch aus ganz viel Sehnsucht.“
Christoph Schlingensief