Wir Halbweisen aus dem Abendland

Vor langer Zeit – die Grundschule hieß noch Volksschule – fragte der Pastor im Religionsunterricht nach der Bedeutung des Kürzels C+M+B, das die Sternsinger Jahr für Jahr mit Kreide auf die Haustür schreiben. Das wusste ich, der Pastor aber lächelte nur milde über meine kindliche Antwort. Nein, natürlich bedeute das nicht einfach Caspar, Melchior und Balthasar. Wär' ja auch zu leicht gewesen. Daraufhin schrieb er selbst einen kryptischen Text an die Tafel, drehte sich wieder zu uns und wartete geduldig, dass einer ihn fragte, was das heißt. Hat dann aber keiner gemacht, weil's wohl keiner wirklich wissen wollte und drum hat er's sich einfach noch mal selbst erklärt: Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus!

Fazit: Das subjektive Bildungsniveau ist stets relativ und in der amtlichen Praxis oft nur die Hälfte wert. Immer ist da noch ein Scholastiker, der sich geistreicher ausdrücken kann.

Zu den seltenen Freuden des kleinen Mannes gehört es, wenn er in seiner Einfalt ausnahmsweise mal richtig liegt. Denn die Auflösung mit den Heiligen Drei Königen ist mittlerweile wieder die gängige Theorie. Ein unbekümmerter Geist sagt sich: gibt es mehre realistische Szenarien, ist das einfachste Szenario wahrscheinlich das richtige. Wenn also drei Kinder mit der Sammelbüchse von Tür zu Tür ziehen, verkleidet als die drei Weisen aus dem Morgenland, dann ist es naheliegend, dass sie auch in deren Namen den Empfang an Ort und Stelle quittieren. Eine stimmige Formel, schlicht und mindestens genauso ergreifend wie das römisch-katholische Latein.

Klingt banal, aber genau so funktioniert das erkenntnistheoretische Sparsamkeitsprinzip. Das passende Werkzeug zum Heraustrennen der inneren Wahrheit kommt aus dem Kulturbeutel der Scholastiker selbst. Man nennt es Ockhams Rasiermesser.


Als wohlwollender Romantiker gönnt man sich selbst und anderen die volle Deutungsfreiheit und würde darum auch niemandem den christlichen Segen verleiden. Persönlich schwöre ich allerdings schon immer auf die sagenhaften, vom Kaiser Rotbart an den Rhein gelieferten Königsknochen. Und jedes mal, wenn ich im Dom zu Köln bin, zünde ich am goldenen Schrein ein Teelicht an. Ein Licht der diffusen Sehnsüchte – wie der Stern von Bethlehem.