Totentanz in modernen Zeiten

Apropos Sensenmann. Es gibt in Thomas Manns Zauberberg eine Stelle, wo der Romanheld seinen Arzt bittet, kurz die eigene Hand hinter dem Röntgenschirm betrachten zu dürfen. Das war noch vor dem ersten Weltkrieg und ist darum für den feinnervigen Patienten unfassbar spektakulär:

„Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, dass ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab.“ – Den Satz muss man sich selbst vorlesen und würdig, mit herabsinkender Stimme ausklingen lassen. Wer das Morbide mag, genießt diesen wohligem Grusel. Frei von Angst, allein aus schwermütiger Neugier heraus einmal kurz seine potentiellen Überreste anstarren und ins Grübeln verfallen. Mir gefällt sowas.

Jene Totentanz-Parabel kommt mir just in den Sinn, da mir das eigene Rückgrat etwas aus den Fugen geraten ist, sodass der Sachverhalt fotografisch aufgeklärt werden muss. Nur schade, dass in der heutigen Zeit die Bildgebung des eigenen Innenlebens keinen magischen Reiz mehr hat. Eine CT ist reinste Naturwissenschaft, sachlich, ohne allegorischen Funkenflug. Man sieht halt kurz nach was kaputt ist und lässt es wenn möglich reparieren – minimal invasiv. Im Ergebnis: kein Trauma, kein romanhaft verwertbares Leid, alles gut.

Bei vielen kassenärztlich Wohlversorgten, so auch bei mir, entsteht wie von selbst über die Jahre ein kleines Portfolio der eigenen Vergänglichkeit, ganz ohne Expressionismus. Manch einem ist das nicht recht, denn zur Inszenierung des Individuums kann man alles gebrauchen. Als Künstler mag man sich als etwas Besonderes fühlen, ein Designer aber lernt, dass wir Massenmenschen sind, die froh sein dürfen, nicht vorzeitig unter die Räder zu kommen. Also kaum der Rede wert, wenn zukünftig vieles künstlerisch wertlos wird, weil sich nahezu alles in den Medien totläuft. Und so werden wir all unsere Kenntnisse und Ideen, die wir ein Leben lang angesammelt haben, komplett mit ins Grab nehmen ohne dass ein Hahn danach kräht. Staub zu Staub und der große Geist verdünnisiert sich in homöopathischer Wirkungslosigkeit.


DNA-Abgleich und späte Einsicht

Der Mensch übe sich in Demut! Man wollte vieles lässiger nehmen als die Eltern und dann bringt einen das Genom mit seinen einprogrammierten Sollbruchstellen wieder zur Räson. Heute hätte meine Mutter Geburtstag und ich gestehe kleinlaut, dass ich allzu oft mitleidlos war, wenn Sie über ihren „glühenden Draht“ in Mark und Bein klagte und ich das mal wieder für rheinisches Lamento hielt. Jetzt, wo mir dieselbe Pein widerfahren und Gottseidank fachgerecht beseitigt worden ist, findet mein poetischer Hausgeist die richtige Erklärung: „Nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Träne, und jeder weint eigentlich für sich selbst.“