Written Art

Fluchtrouten 2015-2024
Wir bleiben in der Pinakothek der Moderne. Zwei Stockwerke höher stellt sich mir gleich wieder eine Frage: Ist es legitim, aus Fluchtrouten Kunst zu machen? So nach dem Motto: Alle sehen nur das Sachlich-Politisch-Kartografische, aber ich sehe die Kunst. Denkt sich das Alfredo Jaar, der Künstler des plakativen Exponats am Eingang? Ich frage aus der Erfahrung des Designers heraus, der schon einmal ein Motiv des sozialen Elends für den New-York-City-Lifestyle verwendet und dafür einen zurechtweisenden Kommentar kassiert hat.
Ich behalte alles für mich und genieße die Ruhe und Weitläufigkeit dieser heiligen Hallen. Wie eine Moritat leiert mir der Schlusssatz aus der „Feuerzangenbowle” im Kopf rauf und runter. Zum Jahresende bleibt dieser kitschige Epilog als Ohrwurm hängen: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“ – Viel ist ohnehin nicht mehr übrig.
Schauen wir also dem Rest der Welt bei der Inszenierung zu. Alle Bedeutung entsteht ja erst durch Inszenierung, und die ist wiederum eine Frage des Formats. Auch Paula Schers Ausstellung lebt davon, dass alles mindestens viermal so groß ist wie in Wirklichkeit. Im Obergeschoss erwartet uns nun das ganz große Format!
„Sweeter than Honey. Ein Panorama der Written Art“
oder: Wenn Schrift zur Kunst wird
Seit dem 11. Dezember 2025 zeigt die Pinakothek der Moderne in München eine außergewöhnliche Sonderausstellung. Die Schau, die noch bis 12. April 2026 in den Sälen 21-26 der Sammlung Moderne Kunst zu sehen ist, widmet sich erstmals umfassend der Written Art – also Kunst, in der Schrift, Text und Schreiben selbst zum künstlerischen Medium werden. Das ist für unsereins längst Common Sense, obwohl, wenn ich an meine eigene kunstpädagogische Sozialisation zurückdenke, fällt mir meine liebe Frau Tuschinsky wieder ein, die uns rigoros die Anwendung von Buchstaben im Kunstunterricht untersagte, weil Schrift nun mal keine Kunst sei. Damals so befremdlich wir heute, aber jede Pädagog*innen-Generation bringt ihre eigenen schrägen Dogmen hervor.
Video-Upload: Pinakotheken
Und jetzt die ganz große Bühne: Auf rund 1.200 Quadratmetern präsentieren etwa 60 künstlerische Positionen aus aller Welt die vielfältigen Formen, in denen Sprache und Bild aufeinandertreffen: von Kalligrafie über Typografie und Handschrift bis hin zu großformatigen Installationen, Fotografie und Malerei. Die Werke stammen von Künstler*innen wie Susan Hefuna, Sophie Calle, Jenny Holzer, Ed Ruscha, On Kawara, Alighiero Boetti und vielen weiteren internationalen Namen, die das Dialogpotenzial zwischen Wort und Bild ausloten.
Der Titel der Ausstellung nimmt Bezug auf das Werk „Knowledge Is Sweeter Than Honey” aus der Mashrabiya-Serie von Susan Hefuna (2012) – ein poetisches Bild für die „Süße der Erkenntnis“ und die sinnliche Kraft von geschriebenem Wort. Zugleich verweist er darauf, wie Kunst harte oder komplexe Botschaften in sinnliche und zugängliche Formen übersetzen kann. Die Auswahl der mehr als 100 ausgestellten Werke spannt einen Bogen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und zeigt, wie Schrift als künstlerisches Material genutzt wird, um gesellschaftspolitische, persönliche und kulturelle Fragestellungen auszudrücken – oft jenseits rein textlicher Bedeutung.
Hier nur ein wirklich ganz kleines Blitzlicht:
„Sweeter than Honey“ ist damit nicht nur ein Querschnitt durch die Geschichte der schriftbasierten Kunst, sondern auch eine Einladung, über die Wechselbeziehung von Text, Bild und Bedeutung nachzudenken – und zu erleben, wie Sprache in der Kunst sichtbar, fühlbar und sinnlich wird. Wir müssen da unbedingt noch mal hin!
Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München Link zur Ausstellung
1. Teil Paula Scher – Type is Image















