Zefixhalleluja!

O Zeit der Zeichen und Symbole und leeren Verheißungen! Wenn es kein Geld gibt, werden blecherne Orden verliehen und wenn der Feind an den Grenzen lauert, gibt das Volk sein Gold für Eisen. Nun sammelt sich das bayerische Kabinett zum kleinen Kreuzzug für die absolute Mehrheit und zeigt allen Ungläubigen die Werkzeuge. Zur Kreuzigung? Bitte ins nächste öffentliche Gebäude – jeder nur ein Kreuz!


Nachdem sich schon hochgebildete Menschen über diese blöde Aktion mokiert haben und die Landeshauptstadt den Beschluss auch gar nicht umsetzt, darf ich Simpel mich ja wieder abregen. Obwohl mich, als trostloser Atheist der ich bin, allein die Vorstellung trifft, wie ein Vampir bedrängt zu werden, und mir innerhalb freistaatlicher Profanbauten der Teufel ausgetrieben werden soll. Religionsfreiheit, die uns ja das Grundgesetz garantiert, bedeutet schließlich und endlich auch, ein Leben ohne Religion führen zu dürfen. Wenn dann auf einmal wieder sakrale Warnhinweise im säkularen Leitsystem aufleuchten, ist das etwas irritierend und fragwürdig. „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Als ehemaliger Trierer Student sei mir dieses kurze Zitat des Trierers Karl Marx erlaubt, noch dazu an seinem 200. Geburtstag. Ach Himmel, wir wollen nicht undankbar sein, wer weiß, wozu es gut ist. Denn ist die Not groß, wird sich mancher doch reflexhaft wieder am Kreuze festhalten wollen – kurz vor Ultimo.

Dafür gibt es genügend literarische Indizien. Heinrich Böll, einer der beharrlichsten Kritiker der katholischen Kirche, mochte am Ende doch nicht ohne letztes Sakrament von uns gehen. Und auch den anderen Heinrich, den Studenten Heine, überkam die Existenzangst, als er auf seiner berühmten Harzreise den Ilsenstein erklommen und im Übermut die Balance verloren hatte. Zuvor muss er vom Blocksberg aus in die Zukunft geblickt haben, denn sein Text passt Wort für Wort in die bayerische Gegenwart: mit heiligem Reich und Kreuz – und einer versteinerten Ilse:

„Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kaiser und Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten, und die roten Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grünen Bäume in der blauen Luft herumflogen, dass es mir blau und grün vor den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfasst, in den Abgrund gestürzt wäre, wenn ich mich nicht, in meiner Seelennot, ans eiserne Kreuz festgeklammert hätte. Dass ich, in so misslicher Stellung, dieses letztere getan habe, wird mir gewiss niemand verdenken“.

Im Klartext, Harry lässt sich evangelisch taufen und heißt jetzt Heinrich. Eine selbst auferlegte Nottaufe aus Schiss vor beruflichem Mobbing, denn als Jude hat ein Jurist in jener Zeit einfach schlechte Karten. Karl Marx war übrigens aus denselben Gründen schon als Kind getauft worden. Genutzt hat der scheinheilige Opportunismus beiden nichts. Kokolores, damals wie heute.


O Endzeit der Romantik! Noch im Mai werden mein werter Neffe und ich am Ilsenstein unsere Harzreise fortsetzen, die wir vor zwei Jahren an jener Stelle hatten unterbrechen müssen. Ach ja, wie sich doch alles fügt – immer eine Frage der Zeit?