Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Bildquelle Wikimedia Commons

Die Erinnerung ist eine Laune der Natur und wer versucht, Glücksmomente zu reproduzieren, indem er sich DVDs seiner vorzeitlichen Kultfilme beschafft, wird nicht selten enttäuscht. Warum ist das so? Sind da etwa, heimlich, still und leise die eigenen Ansprüche gewachsen? Ich komme darauf, weil sich mir natürlich der Vergleich aufdrängt zwischen Mike Leighs aktuellem Film über William Turner und dem von Peter Schamoni über Caspar David Friedrich. Hat mich im Jahr 1986 als Kinofilm begeistert, reloaded auf dem iPad, wirkt der ganze Dreh und die Dialoge doch etwas betulich und altklug.

Egal, das Wichtigste sind immer noch die traumhaft-schönen Landschaften und Seestücke, die Gerard Vandenberg mit seiner Kamera nachempfunden hat, an Originalschauplätzen hinter dem damaligen eisernen Vorhang. Das war kultur-politisch ambitioniert, eine deutsch-deutsche Annäherung über den Weg gemeinsamer Kunstgeschichte. Geradezu sinnbildlich, wie abgekapselt der Lebensraum des Caspar David war, als sollten seine verzauberten Landschaften für ewig in der Isolation bleiben.


Jeder spielt seine Rolle im Welttheater: William Turner ist der Besessene, Caspar David Friedrich der Entrückte. Als egomanische Sturköpfe überschreiten beide die Grenzen ihrer Zeit, vertreten aber auch das Selbstwertgefühl ihres Volkes. Laut Heines Wintermärchen sieht die geopolitische und intellektuelle Kräfteverteilung im Europa des 19. Jahrhunderts so aus:

Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Allein der Status Quo unterscheidet den progressiven, zähen Engländer Turner vom altdeutschen Traumtänzer Friedrich. An dem schon deutlich mehr auffällt, als eine zarte Melancholie nach romantischer Mode. Der Mann leidet ganz offenbar an Depressionen. Man kann nämlich aufs Meer hinaus blicken und den Horizont anschmachten, ohne am Dasein zu verzweifeln. Siehe Gerhard Richter, unser derzeitiger Top Act, der es zwar aufrichtig bedauert, dass man eigentlich gar nicht mehr klassisch malen kann, darf, soll. Aber er macht's trotzdem. Dafür bin ich dankbar.


Trailer Caspar David Friedrich – Grenzen der Zeit
Heinrich von Kleist Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft