weihnachtspost – alles in ordnung

Das Jahresende braucht einen positiven Abschluss. Und weil mir Religionen immer fremder werden, schwöre ich mich ein mit dem Mantra des Renaissancemenschen, der beseelt an den Fortschritt glaubt, an die schönen Künste und Wissenschaften. Wer möchte nicht mit einer harmonischen Vision ins neue Jahr starten, entspannt und erwartungsfroh, so zwischen zwei romantischen Mondphasen? Am Ende ist es beruhigend und gleichzeitig sehr inspirierend, davon auszugehen, dass sich die Dinge sinnvoll fügen – ganz ohne Engel und Esoterik.

© 2014-2021 Helmut Egerer

Weihnachtspost 2021 – Schneekristalle, fotografiert von Wilson Bentley

Auch bescheidene Nerds leisten ihren Beitrag, neben den ganz großen Helden, die unsere Welt bewegen. So bilden ein schneeverrückter Farmer aus der Neuen Welt und ein harmoniesüchtiger Himmelstürmer aus dem barocken Deutschland das ungleiche Paar in meinem diesjährigen Wintermärchen. Letzterer tritt leicht verspätet erst im Blog auf. Fibonacci gestaltet mit seiner Kaninchennummer den ersten Akt. Blog-Artikel


Bildquelle Bentley „Snow Crystals“ Wikimedia Commons

    Weihnachtspost 2020 – Liberty Enlightening the World von Frédéric-Auguste Bartholdi

    Die Heimat der modernen Demokratie schafft, denkbar knapp, den Neustart und meldet sich nach vier Jahren in die westliche Welt zurück. Grund genug für einen verträumten Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der wohl berühmtesten Freiheitsikone. Er überbrückt die Zeit bis zum 20. Januar und steigert die Vorfreude auf ein Revival moralischer Prinzipien. Die Politik, die Kunst, die Freiheit – Frohe Weihnacht! Blog-Artikel


    Foto Liberty und Lot: AdobeStock

      Weihnachtspost 2019 – Landschaft mit dem Sturz des Ikarus von Pieter Brueghel d. Ä.

      Die Navigation ist das zentrale Thema der Weltgeschichte. Wer die richtigen Werkzeuge hat, dem gehört der Globus oder zumindest, in der stilprägenden Antike, das Mittelmeer. Was sich so alles aus der Sagenwelt und den ständig wiederkehrenden Motiven der bildenden Kunst ablesen lässt ist erstaunlich. Auch das so dringend notwendig Subversive, der Freiheitsdrang, das Aufbegehren gegen alles Übermächtige. Blog-Artikel


      Bildquelle Brueghel „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“ Wikimedia Commons

        Weihnachtspost 2018 – Boulevard du Temple von Louis Daguerre

        Das Leben als eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen zu sehen erzeugt am Ende gemischte Gefühle. Tatsächlich sind Fotoalben gute Vehikel zum Vertiefen von Erinnerungen, verlässliche Beweise für die Wirklichkeit aber darf man grundsätzlich nicht erwarten. So gerät man übers Fotografieren ins Philosophieren und landet bei Jostein Gaarders Weihnachtsgeheimnis. Blog-Artikel


        Bildquelle Daguerre „Boulevard du Temple“ Wikipedia

          Weihnachtspost 2017 – Die Erde fotografiert von Bill Anders

          Gegenüber dem Durcheinander unserer eigenen Welt könnte die Beständigkeit des Himmels uns das Urvertrauen zurückgeben. Das funktioniert tatsächlich, denn die Volkssternwarten bestätigen einhellig, dass Besucher*innen meist mit einem recht zufriedenen Gesichtsausdruck aus den Vorführungen nach Hause gehen, gelegentlich mit einem Gefühl der Demut. Auch wenn man kaum kapieren kann, was sich da oben Kompliziertes abspielt und sich der Sinn der Chose nie wirklich erschließt. Es sieht aber so aus, als hätte zumindest alles einen Platz hat und somit eine Ordnung. Blog-Artikel


          Bildquelle „Earthrise" Wikipedia

            Weihnachtspost 2016 – Frau mit Waage von Jan Vermeer van Delft

            Der Advent ist die Zeit der Stille, der stillen Post sozusagen, die es insofern wieder in sich hat, da meist hinten etwas anderes ankommt, als vorne abgeschickt worden ist. Missverständnisse sind ist in der Regel völlig harmlos, sogar gewünscht und in der Hauptsache unterhaltsam, sonst würde man das Spiel nicht spielen. Es ist aber auch eine sehr gute Metapher für das Verhältnis von Kunstschaffenden und Publikum. Und je leiser die Botschaft, desto größer ist mitunter das Mysterium. Blog-Artikel


            Bildquelle Vermeer „Frau mit Waage“ Wikimedia Commons

              Weihnachtspost 2015 – Melencolia I von Albrecht Dürer

              Die großen Geister der Renaissance, allen voran natürlich Leonardo da Vinci, waren in ihrer Zeit nicht allein für Malerei, Bildhauerei und Architektur berühmt und geachtet, sondern zu einem erheblichen Anteil für ihre Ingenieurs-Kunst. Das wirft ein anderes Licht aufs Materielle, als in der heutigen Kunstrezeption so salbungsvoll rüberkommt. Das sich ein Universalgenie wie Leonardo über seine künstlerische Hochbegabung natürlich effektiver entwickeln und darstellen konnte, ist nur allzu logisch. Womöglich ist Dürer mit seiner intellektuellen Vielseitigkeit noch etwas bedeutender. Dazu ist er als erster wirklich authentischer Grafiker ein professioneller Selbstvermarkter. Blog-Artikel


              Bildquelle Dürer „Melencholia I“ Wikimedia Commons

                Weihnachtspost 2015 – Der Bücherwurm von Carl Spitzweg

                Die Weihnachtskarte-Serie beginnt mit einem Zeitungsausschnitt, der monatelang an der Pinnwand hängt, ohne dass ich einen Anwendungszweck verfolge. Allein das schlanke Bildformat setzt mir den Floh ins Ohr, bei Gelegenheit etwas Klappkartenmäßiges damit anzustellen. Außerdem habe ich ein Faible für unterschätze Maler und in diese Kategorie gehört definitiv der brave Apotheker Spitzweg. Die Requisitensammlung seines Bücherwurms hat sogar etwas von einer sogenannten „Wunderkammer“ – man muss nur in alle Ecken schauen. Blog-Artikel


                Bildquelle Spitzweg „Bücherwurm" Wikimedia Commons

                  Was am Ende übrig bleibt …

                  In der Musik kennt man seit dem Barock den Begriff der „überschüssigen Qualität“. Man sagt, dass Komponisten wie Bach und Vivaldi mit Ihren Auftragswerken grundsätzlich mehr an Qualität ablieferten, als normale Ohren verwerten konnten. Jetzt darf man als merkantiler Gebrauchsgrafiker solche Anekdoten nur angemessen kleinlaut einstreuen, aber es ist nun mal auch eine Berufserfahrung des engagierten Handwerkers, dass am Jahresende die Schubladen voll sind von verschmähten Artefakten und Fragmenten, die man dann doch noch irgendwie sinnvoll zusammenbasteln kann. Auf diese Art entsteht unter Umständen Kunst. Und wie fast alle Kunst, wird sie leider in ihrer Feinsinnigkeit kaum wahr- oder allenfalls oberflächlich zur Kenntnis genommen. Das ist schade, denn sowohl das Kunstwerk im Fokus unserer Weihnachtskarten, als auch das freifliegende Beiwerk hätte etwas Tiefgang zu bieten gehabt. Drum habe ich wenigstens ein paar Andeutungen aufgeschrieben, auch wenn das im Prinzip albern ist.

                  Johannes Kepler, der Mond und die Weltharmonie
                  (Bildquelle
                  Wikipedia Commons)

                  Der berühmte Astronom und Mathematiker, der zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges seine progressiven Theorien entwickelt, baut in seiner Grundüberzeugung auf die Weltharmonie, als Ausdruck einer göttlichen Perfektion. Er erkennt als Erster die elliptischen Bahnen der Planeten und schreibt mit dem Text „Somnium“, einer Traumreise zum Mond, bereits 1608 eine Art „Science-Fiction-Klassiker“. Der Protestant Kepler führt ein frommes aber unsicheres Leben, bedrängt von existenziellen Nöten und religiöser Verfolgung. Er stirbt 1630 entkräftet nach einer langen Anreise in Regensburg. Sein Grab wird kurz darauf zerstört, die von ihm selbst verfasste Inschrift aber bleibt erhalten:

                  „Die Himmel hab ich gemessen, jetzt mess ich die Schatten der Erde.“