webdesign & usability

Über Webdesign werden dicke Bücher geschrieben – kein Witz! Analoge Rezepte sind naturgemäß nicht für die digitale Ewigkeit gedacht, aber für uns gibt es drei grundlegende und sehr einfache Überlegungen, die wir einem Konzept voranstellen, bevor wir uns an die Arbeit machen.

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    Das „Wording“ – verstehen wir uns richtig?

    Im Dienstleistungsbereich Webdesign und -entwicklung gibt es, meiner Beobachtung nach, häufig modische Anglizismen, die Tätigkeiten ständig neu definieren und dadurch Kompetenzbereiche verklären. Schein und Wirklichkeit sind dann nicht auf Anhieb klar zu trennen. So kann es vorkommen, dass sich Kolleg*innen mit innovativen, völlig divergierenden Berufsbezeichnungen vorstellen, um im weiteren Dialog zu erkennen, dass sie praktisch dasselbe machen. Ob sie dasselbe meinen, kann man dennoch nicht sagen, weil die Perspektive auf das eigene Tun von theoretischem Nebel umwölkt sein kann. Schließlich steht die Frage im Raum, ob simples Webdesign als Anspruch ausreicht, um Nutzer*innen einen seriösen Informationsdienst, ein zeitgemäßes Infotainment oder im aktuellen Jargon eine effektive „User Experience“ zu verschaffen. Der aus dem Kreis der UX-Expert*innen gebetsmühlenartig vorgetragene Hinweis auf die „Usability“ ist für mich als Kommunikationsdesigner schon wieder mal einen Asbach Uralt wert. Denn einen früher mal Gebrauchsgrafiker genannten Profi daran zu gemahnen, dass man das, was er da macht, im Ergebnis auch gebrauchen kann, ist schon etwas respektlos.

    Im Gegensatz zu Kommunikationskonzepten auf Basis üblicher Printmedien ist eine Website eine erweiterte Kampfzone, wo selten einmal Ruhe einkehrt. Was man auch treibt, selbst wenn man zwei Jahre an einer Internetpräsenz arbeitet, irgendetwas ist immer zu wenig bedacht. Und es findet sich am Ende ein vorher nicht gehörter Experte, der erkennt, dass gerade „das Wichtigste“ vergessen wurde. Dann kommt die SEO-Fraktion und textet in der ihr eigenen Sprache. Diese Sprache ist strategisch begründet, soll einzig und allein den Google-Algorithmus einfangen und ist darum mit Keywords gespickt. Mitunter wird dabei spekuliert, welches Wort in welcher Häufigkeit und an welcher Stelle am meisten verfängt. Dass darunter das menschliche Sprachgefühl leidet, scheint nicht so schlimm, weil Menschen ohnehin nicht mehr so leselustig sind, wie sich der Buchhandel das wünscht. Im weiteren Verlauf entwickelt ein überambitioniertes Projekt zwangsläufig kafkaeske Züge und bleibt dementsprechend fragmentarisch.

    Dabei wäre es im Prinzip einfach, eine gute Lesestruktur anzubieten, wenn man sich diszipliniert am Qualitätsjournalismus orientiert. Das heißt: gute Bildregie, inhaltsstarke Headlines, Teasertexte und klar formulierte Inhalte mit einem verständlichen Fazit im letzten Absatz. Mutmaßlich genau die Matrix, die Google selbst als Schlüssel fürs Ranking verwendet.

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    Hü oder Hott – wie schätzen wir die Medien ein?

    Skepsis kann wahrhaftig eine treibende Kraft sein – wenn man seinen Zweifeln vertraut. „Wer nicht zweifelt, kann sich auch nie sicher sein“, sagt der große Astronom Johannes Kepler – eins meiner Lieblingszitate. Die wirklich berauschende Medienentwicklung in unserer Branche verfolgen wir mit gespannter Neugier, wir nehmen uns aber genügend Zeit für die Bewertung von Kosten und Nutzen. Alte Zöpfe abschneiden ist zwar immer gut, etwas vorsichtiger sollte man mit dem Absägen von dicken Ästen sein, vor allem, wenn man noch jahrelang darauf sitzen kann. Die Einschätzung von Medien sollte dabei nicht in einen Ideologiestreit abdriften. Erwartungen und Sehnsüchte der meisten Unternehmen sind nämlich durchaus ambivalent. Denn einerseits ist da die stete Sorge, auf ein zu altes Pferd zu setzen, andererseits scheut auch jeder das Risiko, zur versprengten Avantgarde zu gehören. In den meisten Fällen ist es tatsächlich schlauer, aus der Beobachtung heraus nachzurücken, anstatt medienselig und mit Hurra vorauszustolpern.

    Fazit – cool bleiben im Web 2.0

    Vergessen wir doch einfach mal für einen Moment das SEO und Keyword-Gestöpsel und denken in aller Ruhe über die richtige, passende Kommunikation nach. Wie gesagt, das macht Google selbst ja auch – ändert ständig seine Formel und kommt der Wahrheit virtueller Selbstdarstellung immer besser auf die Spur. Schließlich hat die Suche im Internet nur dann einen Wert, wenn das Ergebnis echt ist und keine werbliche Trickserei. Den vermeintlichen Google-Code knacken zu wollen, um sich im Ranking vorzudrängeln, ist Manipulation und keine Optimierung. Kein konspirativer SEO-Spickzettel, der nicht nach kurzer Zeit veraltet wäre.

    Also zurück zu unseren elementaren Aufgaben!

    PS im September 2025: Der nachfolgende Text ist zwölf Jahre alt, ist also noch nicht sauber gegendert und an manchen Stellen vielleicht etwas provokant. Inhaltlich jedoch völlig in Ordnung. Gepostet von Helmut Egerer © 2012


    Usability – Trial & Error

    Das mit der User Experience (UX) ist so eine Sache. In den USA wird sie schon seit den Siebzigern professionell in die Produktentwicklung und das Marketing einbezogen, im Kommunikationsdesign – besonders im Webdesign – aber erst seit wenigen Jahren. Vielleicht liefert UX doch noch eine verlässliche Antwort auf die essenziellen Fragen:

    Ist der User kritisch oder manipulierbar? Zielstrebig oder verpeilt? Intelligent oder naiv?

    Wir kreativen Dienstleister haben wohl ein zu idealistisches Weltbild, wenn wir davon ausgehen, dass unsere Zielgruppe sich genauso für uns interessiert, wie wir für sie. Usability-Experten haben dagegen ein recht nüchternes Bild: Man testet viel, unter laborähnlichen Bedingungen und liefert Studienergebnisse. Dabei handelt es sich naturgemäß nicht um verlässliche Doppel-Blind-Studien, wie in der Arzneimittelforschung. Es wird viel mit Befragungen gearbeitet, vergleichbar mit der Meinungsforschung. Das kennt man aus Wahlumfragen: Manchmal treffen sie erstaunlich gut zu, manchmal wundert man sich über den „Sinneswandel“ des Publikums.

    Recht unscharf werden die Ergebnisse, wenn es um die Einschätzung persönlicher Wahrnehmung oder eigener Qualifikationen geht. Ein ironisches Beispiel ist die Testfrage an Probanden, ob man sich zu den besseren 50 Prozent der Autofahrer zählt. Zu dieser Aussage bekennen sich zuverlässig mehr als zwei Drittel der Befragten. Was irgendwie nicht stimmen kann. Selbsteinschätzungen sind nämlich nicht nur zu 100 Prozent subjektiv, sondern bilden, je nach Gemütslage, eine rein emotionale Skala ab, von verklemmt bis großkotzig.

    Abgesehen davon, dass pauschale Aussagen grundsätzlich ein Problem darstellen, muss man dennoch in der Sache diesen verkürzten Anlauf nehmen, um überhaupt ins Thema hineinspringen zu können. Schließlich ist Werbung keine Grundlagenforschung. Genau dafür gibt es nun die Expertise von Leuten, die sich dafür Zeit nehmen dürfen, schon allein, weil sie sich mit Entwurfsarbeiten nicht herumschlagen müssen und nicht von knappen Deadlines bedroht werden.


    Was die UX-Freaks in Sachen Kommunikation beitragen, ist in der Regel gut begründet und für unsereins sehr hilfreich. Sie rücken unser rosafarbenes Verbraucherbild in ein neutrales Licht, geben aber leider die Verantwortung postwendend in Form einer recht trostlosen Aufgabenstellung an uns zurück. Etwa so: „Bedenken Sie, dass der User intuitiv ans Ziel kommen möchte und sich nicht lange konzentrieren will oder kann …“ Der User hat demnach höchste Erwartungen, aber null Ehrgeiz, einen Text über mehrere Zeilen hinweg zu lesen? Seltsam. Wie stellt sich ein Gegenwartsmensch denn ein Kommunikationsangebot vor, wo er doch freiwillig auf der Suche nach etwas ist, das er begehrt, und für das er Geld bezahlt?

    Zuweilen aber ergibt sich tatsächlich eine trotzige Rollenverteilung. Im Marketing wird ja stets gemahnt, dass der Kunde König sei. Dieser Allgemeinplatz führt leicht dazu, dass hier jemand großspurig wird, seine Ansprüche und Fähigkeiten überschätzt. Wenn dieser unleidige Kundenkönig nicht alles rein intuitiv, in Nullkommanix, herbeiklicken kann, wird er sauer und fühlt sich schlecht bedient. „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, meint der Designer, rollt mit den Augen und gilt als arrogant. Doch ganz ohne Arroganz verliert er seine Profi-Aura. Und als Profi weiß ich, dass ich es besser weiß – wenn es um Werbung geht.

    Werbung ist dem Wesen nach klischeehaft, sonst wäre sie keine Werbung, sondern Literatur. Sich dessen zu schämen, ist möglich, aber sinnlos. Bedrückend ist vielmehr die Erfahrung, dass selbst die schamloseste Propaganda funktioniert. Unweigerlich kommt man an einen Punkt, an dem man die als verblödend eingestufte Werbung nicht mehr ganz so blöd findet, sondern dem umworbenen Subjekt angemessen – und auch meist zielführend. Tatsächlich überschätzt der Verbraucher sein Niveau – die Werbung begegnet ihm lediglich auf Augenhöhe! Und die ist, mit Verlaub, eventuell eine Etage tiefer, als dieser von sich selbst denkt.

    Das ist respektlos. Ich schäme mich und sage: Der User ist nicht naiv, er verhält sich nur manchmal so. Als Kulturinteressierte schalten wir unseren Intellekt problemlos ein, als Konsumenten aber lassen wir uns gelegentlich gehen. Eltern kennen das von ihren Kindern, die sich zu Hause manchmal wie Idioten aufführen und zu Gast bei fremden Leuten auf einmal benehmen können und vernünftige Sätze bilden.

    Small is beautiful – Less is more!

    Ich fasse zusammen: Nutzer könnten sich auch mit komplexen Dingen intellektuell auseinandersetzen, aber sie wollen sich auf der Suche nach Konsumgütern keine Rätsel lösen, sondern von leichter Hand ans Ziel geführt und dabei eher unterhalten werden.

    „Don’t make me think“ heißt ein unterhaltsames, etwas banales Standardwerk aus dem UX-Bücherregal. Ein Designer sollte also davon ausgehen, dass sich User keine Mühe geben und einer noch so charmanten Entwurfsidee eher unwillig entgegentreten. Meine professionellen Erkenntnisse versickern mitunter in privaten Erfahrungen. Wer Kinder und Haustiere zu erziehen versucht, lernt das kleine Einmaleins der Kommunikation eh noch mal ganz von vorne. Und ist auch nicht so enttäuscht, wenn nicht allzu viel dabei herauskommt.

    In der Hauptsache geht es nun darum, die Aufnahmebereitschaft der Empfänger zu antizipieren.

    Die Aufgabe ist klar, doch der Ehrgeiz bei Konzeption und Gestaltung geht oft zu weit. Denn eine der goldenen Regeln im Kommunikationsdesign ist, dass die Kernbotschaft in strahlender Klarheit herausgearbeitet werden muss. Die kreative Herausforderung lautet daher: Was können wir alles weglassen, damit es noch funktioniert?

    Wer sich beispielsweise das Produkt- und Grafikdesign einer Firma wie Apple ansieht, erkennt diese Maxime sehr deutlich. Wenn sich aber ein bemühter Zirkel von „Interessierten“ in Klausur begibt, um ein visuelles Konzept mit anspruchsvoller Zielsetzung auszubrüten, dann kann es leicht passieren, dass die Gruppendynamik und ein immerwährendes Brainstorming einen Strich durch die einfache Rechnung machen. Im eher musisch-pädagogischen Stuhlkreis gilt das Motto: Wem fällt noch was ein, was kann man noch reinwürgen ins Layout? Auch hier wird der Rezipient in seiner Aufnahmefähigkeit gnadenlos überschätzt.



    Planungs- und Steuergruppen neigen dazu, ein Thema auszuwalzen. Wer traut sich da noch, die Einfälle auszusortieren? Ideen sind selten Mangelware – ehrlich gesagt wachsen Ideen wie Unkraut. Und viele Köche verderben den Brei, hieß es früher, als man weder von Kommunikation, noch von Design, noch von Psychologie eine Ahnung hatte. Gibt man die Arbeit an ein oder zwei Profis, so haben die kein Problem damit, ihren eigenen Ideenverhau zu schreddern, wenn dadurch das Gesamtergebnis top ist. Eine illustre Gruppe kann das nicht. Das Less-is-more-Prinzip ist für eine Tischgesellschaft unmöglich. Da will jeder mal dran, sonst ist er beleidigt.

    In großer Runde wittern vor allem die Selbstdarsteller Morgenluft und prophezeien eine vage Zukunft, ohne Gewähr, aber mit großem Verunsicherungspotenzial. Mit dem Argument, dass sich Wahrnehmung und Rezeptionsverhalten ständig erneuern würden, sind diejenigen schnell bei der Hand, die sich erst seit gestern dafür interessieren. Hier ist man ganz entspannt, wenn man angeblich veraltetes Wissen nicht mehr aufholen muss. Aber auch mit Traditionalisten hat man es nicht leicht, weil diese sich wiederum sträuben, ihr mühsam erlerntes Wissen zu revidieren.

    Fazit: Kleine Teams machen bessere Konzepte, weil sie keine Gruppendynamik verhandeln müssen, sondern auf das Wesentliche hinarbeiten können. Small is beautiful – less is more.